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Winterdienst

Der Winterdienst verliert den Schnee und gewinnt das Eis

Datum
26.10.26
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Die Nullgradgrenze im Schweizer Winter steigt bis 2060 um 550 Meter auf rund 1450 Meter. In tiefen Lagen fällt Niederschlag dann häufiger als Regen. Der Aufwand sinkt nicht, er verlagert sich.

MeteoSwiss und die ETH Zürich haben ihre Klimaszenarien im November 2025 aktualisiert. In Lagen zwischen 500 und 1000 Metern schrumpft die natürliche Schneedecke bis Mitte des Jahrhunderts selbst im 1,5-Grad-Szenario um rund 57 Prozent gegenüber dem Mittel von 1991 bis 2020. Die Winterniederschläge nehmen dabei leicht zu, doch in einer 3-Grad-Welt sinkt der Schneeanteil um etwa ein Viertel, während sich die Regenmenge fast verdoppelt.

Für Liegenschaften unterhalb der Alpen verschwindet damit nicht der Winterdienst, sondern der lange Schneefall über mehrere Tage. An seine Stelle tritt der wiederholte Wechsel um den Gefrierpunkt: Regen fällt tagsüber, kühlt nachts auf gefrorenem Boden aus und überzieht Zugänge, Rampen und Parkfelder mit Glatteis, wo am Morgen kein Schnee liegt. Ein Praktiker aus der Westschweiz beziffert die Folge für seinen Alltag: Statt langer Schneephasen bleiben pro Ereignis noch zwei bis drei Tage echter Einsatz, die dafür intensiver ausfallen.

Diese Verdichtung trifft die Personalplanung stärker als der blosse Rückgang der Schneemengen. Ein Team, das früher über Wochen gleichmässig ausrückte, muss heute in wenigen Stunden reagieren und dazwischen tagelang in Bereitschaft bleiben, ohne zu arbeiten. Die Höhe zählt dabei: Zwischen 1000 und 1500 Metern nimmt die durchschnittliche Schneedecke bei drei Grad Erwärmung um rund 78 Prozent ab, während hochgelegene Lagen ab 2000 Metern kaum betroffen sind. Eine Anlage im Mittelland und eine auf 1300 Metern verlangen deshalb künftig unterschiedliche Konzepte statt eines einheitlichen Winterplans.

Dosierung statt Menge
Der Materialeinsatz folgt dem Temperaturverlauf. Trockensalz verlangt 20 bis 40 Gramm pro Quadratmeter und verweht, bevor es wirkt. Feuchtsalz, mit Salzlösung benetzt, haftet auf dem Belag und kommt mit 10 bis 20 Gramm aus. Reine Sole vor dem Ereignis ausgebracht braucht oft nur 2 bis 5 Gramm Salz pro Quadratmeter, weil sie die Eisbildung verhindert, statt eine bereits gefrorene Schicht auflösen zu müssen.

Der Zeitpunkt entscheidet also über die Menge. Eine Solefahrt am Abend vor der Frostnacht spart ein Vielfaches der Menge, die ein vereister Belag am nächsten Morgen fordert. Fällt die Temperatur zu tief, verliert Salz seine Wirkung, und für Brücken oder ökologisch heikle Zonen greifen abstumpfende Mittel wie Splitt. Diese erhöhen die Griffigkeit rein mechanisch, müssen nach der Schmelze aber zusammengekehrt und entsorgt werden, was den Personalaufwand ins Frühjahr verschiebt.

Sole verlangt allerdings eine Investition vor der Saison. Wer flüssig streuen will, braucht eine Anlage zur Soleherstellung, Tanks und dosiergenaue Sprühbalken statt der breit werfenden Alttechnik. Die typische Mischung aus 21 Prozent Salz und 79 Prozent Wasser wirkt bis etwa minus acht Grad und verteilt sich gleichmässiger als das Streukorn. Unterhalb dieser Schwelle bleibt festes Material nötig, sodass beide Systeme parallel vorgehalten werden müssen.

Streuen nach Daten
Die teuerste Fahrt ist die überflüssige, die zweitteuerste die zu späte. Thermalkartierung zeigt, welche Abschnitte einer Anlage zuerst auskühlen, sodass die Bereitschaft auf diese Punkte zielt statt flächendeckend auszurücken. Eine Prognose mit Bodentemperatur und Taupunkt beantwortet die eigentliche Frage des Abends: ob es reicht, oder ob eine vorbeugende Fahrt die nächtliche Vereisung überhaupt verhindert.

Telematik in den Streugeräten erfasst Menge, Breite, Material und Fahrspur automatisch und hängt Zeitstempel und GPS-Position an jeden Datensatz. Das senkt den Verbrauch, weil sich über die Saison ablesen lässt, wo zu viel oder zu spät gestreut wurde. Und es ersetzt das handschriftliche Streubuch, in das der Fahrer früher im Minutentakt Uhrzeit und Menge eintrug. Behauptet jemand, auf einer ungestreuten Fläche gestürzt zu sein, belegt die Aufzeichnung Position und Zeitpunkt der Behandlung. In der Schweiz ist dieser Nachweis kein Zusatznutzen, sondern der Kern der rechtlichen Absicherung.

Haftung ohne Verschulden
Der Grundeigentümer haftet als Werkeigentümer für die gefahrlose Nutzung seiner Liegenschaft. Rutscht jemand infolge mangelhaften Winterdienstes vor dem Haus aus, kann er belangt werden, ohne dass ihm ein Verschulden nachgewiesen werden muss. Bei Mietshäusern trägt der Vermieter diese Pflicht, bei Stockwerkeigentum die Gemeinschaft, sofern sie sie nicht einer Verwaltung übertragen hat.

Die Pflicht bleibt auf das zumutbare Mass beschränkt und richtet sich nach den Zeiten stärksten Fussgängerverkehrs, üblicherweise 7 bis 21 Uhr. Ein Schwarzräumen rund um die Uhr wird auch bei starkem Schneefall nicht verlangt, und Passanten müssen sich den Bedingungen anpassen. Die Haftung erstreckt sich zudem auf Dächer, an denen Dachlawinen abgehen.

Das häufigere Glatteis nach Regen verschiebt die Beweislage. Es entsteht ohne den weissen Belag, der bisher die Gefahr angezeigt hat, und wer nur auf sichtbaren Schnee reagiert, streut zu spät. Eine prognosegestützte, dokumentierte Bereitschaft belegt im Streitfall, dass die Fläche behandelt wurde, bevor jemand gestürzt ist.

Salz sparen als Doppelnutzen
Streusalz greift Boden, Grundwasser und Vegetation an, korrodiert Metall und schädigt Bausubstanz. Der Umstieg auf Feuchtsalz senkt die Menge um bis zu 30 Prozent, ohne die Verkehrssicherheit zu mindern, weil das benetzte Korn haftet und nicht verweht. Effizienz und Umweltschutz widersprechen sich hier nicht, sie messen dieselbe Zahl.

Alternative Streustoffe aus Zuckerrübenmelasse, Maisspindeln oder Kaliumverbindungen gelten als umweltfreundlich, zeigen in der Praxis aber schwächere Wirkung, höhere Kosten oder fehlende Zulassung für öffentliche Flächen. Für abgegrenzte, sensible Bereiche einer Anlage taugen sie, als flächendeckender Ersatz bleiben sie zweite Wahl. Die verlässlichste Einsparung liegt in der Dosierung, nicht im Wechsel des Mittels.

Bereitschaft vor Ausdauer
Die Zahl der sehr kalten Tage sinkt, doch für den seltenen, heftigen Wintereinbruch muss weiterhin ein grosses Salzlager bereitstehen. Die Planung verschiebt sich von gleichmässiger Auslastung auf Spitzen: eine schlanke Grundmannschaft, klare Alarmierungswege und verlässliche Wetterdaten schlagen eine grosse, aber träge Truppe.

Die kritischen Momente rund um den Gefrierpunkt fallen selten in die Bürozeiten, weshalb die Bereitschaft nachts und am Wochenende greifen muss. Der Klimawandel nimmt dem Winterdienst nicht die Aufgabe, sondern die Berechenbarkeit, und wer den Wechsel von der Menge zur Dosierung und vom Bauchgefühl zur Prognose vollzieht, arbeitet gegen die richtige Gefahr.

Hintergründe zu Streusalz und Sole im Winterdienst finden sich bei den Schweizer Salinen.

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